Ein Liebesbrief ans Netz #blogstloveletter

Ein Liebesbrief ans Netz #blogstloveletter

2017-11-12-144100

Vielleicht erinnert ihr Euch daran, dass wir die #blogst17 im letzten Jahr unter das Motto #blogstlove gestellt haben. Bei all der Hatespeech, dem Neid, dem Internetmobbing, dem sinnlosen Anfeinden in Facebook Gruppen wollten wir zeigen dass das Internet ein schöner Ort ist – ein Ort, in dem man Gleichgesinnte findet, über den Freundschaften entstehen und es Schönes zu entdecken gibt. Daher haben wir Lutz gefragt ob er diesen Abschlusspart übernehmen könnte, da er als Community Manager so einiges mit bekommt.

Aus der anfänglichen Idee für eine Gesprächsrunde wurde ein Liebesbrief ans Netz. Nachdem Lutz ihn vorgelesen hatte waren wir alle so ergriffen und voller Liebe, dass wir uns wirklich keinen besseren Abschluss hätten vorstellen können. Und heute, zum Valentinstag, hat Lutz uns seinen Brief zugesandt, den wir Euch nicht vorenthalten wollen. 

Ein Liebesbrief ans Netz

Liebes Internet, 

ich sitze gerade in meinem Zimmer und schreibe Dir diesen Liebesbrief, da ich das Gefühl habe, Dir endlich einmal meine Liebe und Zuneigung gestehen zu müssen..

Wir kennen uns nun schon seit 23 Jahren, daher wird es Zeit, dass ich Dir endlich einmal Danke sage.

Ich kann mich noch sehr gut an unser erstes Date erinnern. Die Supernerds in meiner Klasse meinten, dass man jetzt endlich mit ganz vielen Menschen aus aller Welt sprechen kann. Ob in Amerika, in Asien oder in der Schweiz. Für mich, der bis dahin seinen größten Urlaub bei seiner Tante in der DDR verbrachte, war es ein großes Abenteuer.

Für Dich verließ ich meine geliebte Fotogruppe und wechselte in die Computer-AG. Wer auch immer auf die Idee gekommen ist, beides auf den gleichen Tag zu legen…

Nun saß ich vor Dir, wie Du da eingefercht in einem Röhrenmonitor vor mir standst. Ich legte die AOL-CD zur Seite, klickte auf den Verbinden-Button und hörte Deinem Sound zu.

Bidong-Bidong…. Chrrrrrr pfeiff. Ich wusste erst gar nicht, ob ich denn „schon drin“ war.  Doch es öffnete sich ein neues Fenster: Netscape.

Da warst Du nun und zeigtest mir eine neue Welt. Mehr weiß als bunt , mehr Schrift und weniger Bilder. Doch das war mir egal. Für mich warst Du so schön wie Du warst!

Doch wo waren denn nur diese ganzen anderen Menschen aus Amerika, Asien oder der Schweiz?
Eine erste E-Mail Adresse musste her und da ich schon damals der wohl  flachwitzigste Mensch dieser Erde war, hieß meine, wie man damals so sagte „E-Mail Addi“ fortan staackesstueck@yahoo. de
.

Der Yahoo-Messenger war für mich das Tor zur Welt. Chaträume aus aller Welt warteten darauf, dass ich in bunten Farben,  Smileys und ersten GIFs meine Texte verfasste. Und da waren Sie, die Menschen aus Amerika, Asien und der Schweiz.

Ich war kein besonders beliebter Schüler. Als pummliger Junge mit Pickeln und in der siebten Klasse immer noch Disney Pullover tragend, war ich natürlich ein gefundenes Fressen für all die coolen Kids. Klar, mit Mädchen habe ich mich schon immer gut verstanden. Nett war ich ja schon immer und ein offenes Ohr war mein „Markenzeichen“. Das mochten die Mädchen in meiner Klasse. Doch wollte weder davon eine meine feste Freundin werden, noch teilten sie ihre innersten Gefühle mit mir. Ich war irgendwo dazwischen.

Doch zu Partys lud mich eben keiner ein. Ich weiß noch, wie ich eines Abends auf dem Sofa lag und anfing zu weinen, weil ich nicht zur großen Geburtstagsparty eines netten Mitschülers eingeladen wurde und stattdessen mit meiner Mutter irgendeine Schnulze gucken musste.

Doch Du, mein liebes Internet warst für mich da. Du zeigtest mir Foren in denen ich mich über meine Hobbys mit anderen Menschen austauschen konnte. Schnell wusste ich, wie ich mit Menschen online kommunizieren kann, damit ich von ihnen gemocht und wertgeschätzt wurde. Doch eben nur online.

Dass ich irgendwie anders war, bemerkte ich dann mitten in der Pubertät. Ich fand damals die Männermodels auf den Unterwäscheseiten vom OTTO Katalog ansprechender als die anderen mit den Frauen drauf. Ich schwärmte für einige Jungs, ohne zu begreifen warum. Schwulsein kam in meiner Familie bis dahin so gut wie nie vor. Und wenn dann nur als abfällige Bemerkung meines Vaters darüber, dass der Nachbar wohl schwul sei und er den nicht auf seinem Grundstück haben will.

Nicht nur ich bemerkte, dass etwas anders war, nein auch meine Mitschüler. Auf Klassenfahrten wollten nur wenige Jungs mit mir in einem Raum schlafen „Hey – der Lutz ist doch schwul. Da muss ich mit dem Arsch zur Wand schlafen!“ oder sie riefen quer durch die Aula „da kommt ja die Schwuchtel“.

Für mich war es zeitweise so schlimm, dass ich in Gängen die Richtung gewechselt habe, wenn mir jemand entgegen kam, der zu diesen Jungs gehörte.

Ohne Dich, hätte ich vielleicht aufgegeben, wie so viele Schwule und Lesben. Auch heute noch ist die Selbstmordrate bei homosexuellen Jugendlichen viel höher als bei ihren Altersgenossen (Quelle). Ohne Dich stünde ich vermutlich nicht mehr hier und könnte diesen Brief vorlesen.

Du hast mich aufgebaut und mir gezeigt, dass ich nicht abnormal bin. Es gibt noch mehr von diesen Leuten, die das eigene Geschlecht lieben. Für mich fühlte es sich noch nicht richtig an, aber ich wusste, dass mit diesem „Problem“ nicht allein bin. Bei Dir konnte ich so sein, wie ich bin.

Du hast mich unterstützt den geeigneten Ort für meinen Zivildienst zu finden. Polen in einem Kinderheim. Weit weg von der Zivilisation? Nein…  Ein ganzes Jahr bin ich dort fast jeden Abend in das kleine Internetcafé am Ende der Straße gegangen. Ich habe lange E-Mails an meinen ersten Freund in Deutschland geschrieben, den ich kurz vor dem Zivi kennengelernt und nun im Osten von Polen sehr vermisst habe. Zwar hat er dann irgendwann mit mir per E-Mail Schluss gemacht, doch das ist ja nicht Deine Schuld.

Wäre ich damals schon auf einer BLOGST gewesen, so hätte ich mein ganzes Abenteuer in Polen in einem Blog festgehalten, um meinen Freunden zu berichten wie schön es doch in diesem Land ist. Doch zum Glück gab es ja das Social Netzwerk Uboot und den ICQ Messenger. Ja, auch heute noch kann ich meine ICQ Nummer auswendig: 108 200 625

Ich habe großartige Dinge mit Dir erleben dürfen, so meinen ersten Studentenjob als Community Manager im Online Handel.  Dass man mit Dir Geld verdienen kann war fast schon unbegreiflich. Und ich durfte vor 12 Jahren meinen Freund über eine Dating-Plattform kennenlernen. Mit ihm bin ich heute immer noch glücklich zusammen.

Es tut mir wirklich leid, dass Dich heute viele als Grund sehen, dass die Welt schlechter wird. Dass gefühlt nur noch Hasskommentare auf Facebook zu lesen sind. Dass nur wenige sich trauen, sich für etwas zu engagieren. Wir lesen viele Beispiele bei denen Menschen sich untereinander öffentlich angreifen. Oder Betreiber einer Fanpage ihre User fertig machen nur für den Fame, die Likes und die Hoffnung irgendwann mal bei „Das Beste aus Social Media zu landen.“

Das ist nicht das Internet, das ich kennenlernen durfte. Das ist nicht das Netz, das mir in schweren Zeiten geholfen hat.

Es wird Zeit, dass wir alle Dir die Liebe entgegnen, die auch Du uns zu geben bereit bist.

Packen wir es an!

In Liebe
Dein Lutz
#blogstloveletter

Mehr schöne Aktionen im Netz findet ihr in der zu Lutz Brief gehörenden Präsentation. Vielleicht habt Ihr ja Lust die Idee aufzugreifen und dem Netz auch einen Liebesbrief zu schreiben? Über all die guten Dinge und schönen Geschichten die das Internet mit Euch gemacht hat? Dann dürft Ihr den Brief hier gerne verlinken! Wir würden uns sehr sehr freuen. 

Ganz viel #blogstlove und 1000 Dank an Lutz!

Clara & Ricarda

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